Manchmal ist die Zeit reif für eine Revolution. Doch was, wenn Welt, Gesellschaft oder gesunder Menschenverstand gar nicht bereit dafür sind? Die Juli-Ausgabe von KINO, dem deutschen Filmmagazin bei DW-TV, berichtet vom Deutschen Filmfest in München, auf dem in diesem Jahr gleich mehrere Produktionen zum Thema „68er-Bewegung“ präsentiert wurden. KINO-Moderatorin Ute Soldierer stellt Ihnen mit „Es kommt der Tag“ und „Dutschke“ zwei dieser Filme vor, in denen Generationskonflikt und polarisierende Helden die Hauptrolle spielen. In der Serie „Meilensteine“ erfahren Sie mit der DDR-Produktion „Spur der Steine“ von 1966 mehr über eine ganz andere Protestbewegung: Frank Beyer war einer der ersten Regisseure seiner Zeit, die offene Kritik am sozialistisch geprägten System der DDR übten. In den aktuellen Filmtipps „Contact High“ und „Achterbahn“ überrascht KINO Sie mit einer überschäumenden Reise nach Polen und der außergewöhnlichen Geschichte einer Schaustellerfamilie.
Viel Vergnügen!
Protest! Die 68er-Generation und was von ihr blieb
Ein kontrovers diskutiertes Kapitel der Deutschen Geschichte bewegt noch immer: Was ist aus den hehren Zielen der Studentenbewegung geworden? Wie konnte es zur Radikalisierung kommen? Und: Wie geht die nachfolgende Generation mit den fragwürdigen Idealen ihrer Eltern um? Auch Susanne Schneider, Regisseurin des Dramas „Es kommt der Tag“, stellt sich und ihrem Publikum diese Fragen. Ein handfester Mutter-Tochter-Konflikt reißt alte Wunden auf, ein Duell um Schuld und Sühne beginnt. KINO zeigt Ihnen Ausschnitte aus dem Film mit Iris Berben, die in der Rolle einer Ex-Terroristin zu sehen ist. Die Leitfigur der 68er wird von Regisseur Stefan Krohmer porträtiert: Sein Doku-Drama „Dutschke“ lässt aus der kongenialen Montage von Interviews, Spielszenen und Originalmaterial der 60er Jahre ein differenziertes Bild des Rudi Dutschke entstehen.
Perfektionist und Präzisionskünstler: Der Schauspieler Lars Eidinger und „Alle anderen“
Er gilt als Shooting Star des deutschen Films, dabei hat sich Lars Eidinger bereits vor Jahren einen Namen als brillanter Theaterdarsteller gemacht. Aktuell zu sehen ist er im Film „Alle anderen“ – eine Hauptrolle, die sich partiell mit dem Selbstbild des Schauspielers überschneidet: Der junge Architekt Chris ist zwar glücklich verliebt, lässt sich jedoch vom gesellschaftskonformen Auftreten eines befreundeten Paares aus der Balance bringen. Ein Zweifler im Film, ein warmherziges Ausnahmetalent im wirklichen Leben. Sehen Sie selbst!
„Achterbahn“: Das Leben, ein Auf und Ab
Die hoffnungsvolle Planung, den ehemals als „Plänterwald“ bekannten Spreepark zur wichtigsten Freizeitattraktion des wieder vereinigten Deutschland zu machen, endet in der Katastrophe: Schausteller Norbert Witte geht pleite und hinterlässt der Stadt Berlin einen horrenden Schuldenberg. 2002 setzt sich der König der Karusselle mit seiner Familie nach Peru ab, doch auch hier stellt sich der gewünschte Erfolg nicht ein. Um die Heimreise zu finanzieren, lässt Witte sich von der Drogenmafia zu Kokainschmuggel nötigen – und geht einer Undercoveraktion der peruanischen Polizei in die Falle. Wittes Sohn wird zu 20 Jahren Haft in einem der härtesten Gefängnisse der Welt verurteilt, er selbst in Berlin inhaftiert. Wie die Familie Witte ihren Weg in ein neues Leben beschreitet und mit den enormen Schicksalsschlägen umgeht, zeigt Peter Dörfler in seinem bewegenden, und dennoch unsentimentalen Dokumentarfilm.
Der Film „Contact High“: Alles so schön bunt hier!
Was für ein Trip: Kleinganove Harry (Detlev Buck) soll für seinen Boss Carlos (Jeremy Strong) eine Tasche aus Polen zurückholen. Weil ihm der Sinn nicht nach krummen Dingern steht, wird der Job den Imbissbuden-Besitzern Hans Wurst (Raimund Wallisch) und Max Durst (Michael Ostrowski) angedreht. Als sie die Tasche in Windeseile an sich bringen, muss das in Krakau gefeiert werden! Mit von der Partie: Ein bisschen was Bewusstsein Erweiterndes… Von einem Rausch wird ins nächste Hotelzimmer gestolpert, Katastrophen geben sich die Klinke in die Hand. Und der Inhalt der Tasche ist so verblüffend wildromantisch, dass man es kaum fassen kann.
Meilensteine des deutschen Films: „Spur der Steine“

„DEFA“ – dies ist die meist genannte Assoziation deutscher Cineasten in Bezug auf die Filmbranche der DDR, die unvergängliche Klassiker wie „Der kleine Muck“ produziert hat. Das Erfolgsgeheimnis der „Deutschen Film Aktiengesellschaft“ liegt nah: Gefördert von der Partei und abgesegnet vom Kulturministerium favorisierte der staatliche Kinobetrieb political correctness gepaart mit sozialistisch einwandfreien Durchhalteparolen. Staatsgefährdende Themen wurden per se ausgeschlossen, bzw. gut verschlossen einbehalten. 1966 wagte es Regisseur Frank Beyer dennoch, dieses heiße Eisen anzufassen und dem DEFA-Trend die Stirn zu bieten: Sein Film „Spur der Steine“ mit Manfred Krug zeigt eine anarchistisch gefärbte Revolte auf dem Bau – die Arbeiterklasse lehnt sich auf. Ganze drei Tage war der Film in den Kinos zu sehen, um dann vom Kulturministerium eingezogen zu werden – Meyer hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Nach dem Mauerfall endlich wurde dieser Meilenstein des deutschen Films wieder zu Tage befördert. KINO sprach mit Regisseur Andreas Kleinert über diese Periode der Zensur und zeigt Ihnen Ausschnitte aus „Spur der Steine“.